Was mich wirklich immer wieder stresst und, zugegeben, auch oft in den Wahnsinn treibt, ist folgendes:
Die Einheimischen sind in der Regel schnell zu begeistern und sagen auch ihre Mitarbeit zu. Was mir dabei immer wieder auffällt, ist, dass die Leute entweder spät am Vorabend oder ein paar Stunden „vor ihrem Einsatz“ eine WhatsApp-Nachricht schreiben und mitteilen, dass ihnen etwas Wichtiges dazwischen gekommen sei und sie nicht kommen können. Die „wichtige Sache“ ist allerdings oft etwas, dass sie schon lange im Voraus wussten.
Dieses Verhalten ist normal hier, das heisst, die Bolivianer untereinander machen es auch. Nicht nur mir oder Ausländern gegenüber.
Ich habe mich immer wieder gefragt, wieso sie das machen und nicht früher Bescheid geben. So hätte die andere Person wenigstens Zeit, sich anders zu organisieren oder jemand könnte einspringen. Und es wären nicht immer alle im Stress, um irgendwelche „Last-minute-Dinge“ zu erledigen.
Nach vielen Gesprächen habe ich so etwas wie eine plausible Erklärung für dieses Verhalten bekommen.
Der Grund warum sie so spät absagen, ist, dass sie der anderen Person bis zum letzten Moment den Eindruck oder das Gefühl geben wollen, wirklich an der Sache dran zu sein (auch wenn sie schon lange wissen, dass sie es nicht einhalten können!). Es soll der Person das Gefühl geben, wichtig und ernst genommen zu sein… bis zum letzten Augenblick.
Natürlich wollte ich wissen, ob sie denn kein bisschen an die andere Person denken, welche dann im letzten Moment „im Stich gelassen wird“ und eine Lösung finden muss? Oder den Kopf hinhalten muss für etwas, was gar nicht ihre Schuld ist?
Mehrfach bekam ich daraufhin die prompte und (für mich) schockierende Antwort: „Nein, Regina, wir denken hier nicht an die anderen!“
Als ich dies zum ersten Mal hörte, dachte ich wirklich, ich hätte mich verhört. Aber es ist tatsächlich so. Immerhin weiss ich jetzt, warum sich hier alle sträuben, Verantwortung für etwas zu übernehmen. Das heisst nämlich gleichzeitig, dass man schlussendlich sowieso meistens alles selber machen muss. Es ist einfacher zu sagen, man macht mit und sagt dann im letzten Augenblick ab.
Das ist wohl die Umsetzung der „berühmten Variante“ eines Teams: Toll Ein Anderer Machts:-)
… aber immerhin weiss ich jetzt Bescheid und kann mir eine Kommunikations-Strategie überlegen, wie ich in Zukunft die Aufgaben und Verantwortlichkeiten (und mögliche Konsequenzen!) klar kommunizieren kann, ohne zu direkt zu sein und ohne zu vergessen, dass das Wichtigste die Gefühle und das Wohlbefinden meines Gegenübers sind. Manchmal wünschte ich mir wirklich, dass es so eine Art Spanisch-Kurs gibt zu den Themen „Das Ungesagte hören“ / „Zwischen den Sätzen hören und verstehen“ oder „Wie sage ich es?“