Hast du dir schon mal überlegt, wie einfach es ist, in der Schweiz an gute und vor allem passende (!) Möbel zu kommen (in Deutschland wahrscheinlich auch)?

Kaum bin ich im November wieder in meiner bolivianischen Heimat angekommen, war IKEA oder sonst ein richtiges Möbelgeschäft das erste, was ich vermisste. Im vollen Ernst.

Bei meiner Ankunft in Potosí zog ich direkt in meine neue Wohnung. Ich hatte das grosse „Glück“, dass ich das wichtigste und meiste an Möbel von meinen Vormietern übernehmen konnte. Das erwies sich als wahrer Segen!

Was mir noch fehlte, konnte ich also nach und nach besorgen. Ich machte mich schlau, wo den die Strasse mit den Möbelgeschäfte war und machte mich auf den Weg. 

Als erstes wollte ich einfach mal sehen, wie diese „Läden“ hier sind und was man den allgemein so an Möbel in Potosí bekommen konnte. 

In der Möbel-Strasse reihte sich tatsächlich ein Geschäft ans andere. Ok, Möbelgeschäft trifft es nicht ganz. Die allermeisten Läden waren eigentlich eher Abstellkammern, vollgestopft mit Möbeln aller Art. Wenn es hochkam, gab es eine nackte Glühbirne, die etwas Licht gab, aber oft stolperte ich mit meiner Natel-Taschenlampe zwischen den Möbeln hindurch. Doch, man konnte eigentlich alles mögliche in Potosí bekommen, aber:

  • Das „Holz“ war fast immer sehr dunkel, fast schon schwarz.
  • Es gab keine zusammenpassende Möbel
  • Oft waren die Möbel schon etwas lädiert
  • Und ganz ehrlich: wen interessieren schon Grössenangaben?

Was mir wirklich fehlte, waren ein paar (Bücher)-Regale für meine Bücher und all das Material für die Arbeit mit den Kindern.

Ich dachte mir: „Ein Regal ist ja nichts wirklich Kompliziertes, oder? Das sollte gut machbar sein. Damit fange ich an.“

Ganz nach schweizerischer Art mass ich die Wände, wo die Regale hinsollten, um eine Idee zu haben, wie gross sie sein durften. Das Massband nahm ich vorsorglich auch gleich mit auf meine Einkaufstour, man wusste ja nie. Wie sich dann herausstellte, hatten viele der Geschäfte weder eine Ahnung über ihre Möbel resp. die Grösse, noch gab es ein Massband. 

Die Gespräche mit den Leuten verliefen dann in etwa so:

Ich: „Gibt es dieses Regal nur in Schwarz oder auch heller?

Verkäufer: „Das gibt es auch in hellbraun oder weiss.“

Ich lies mir die Farben zeigen und wie sich heraustellte, war das Hellbraun in der Regel ein Dunkelbraun und das Weiss irgendein Grau oder sonst eine komische Farbe, aber auf keinen Fall weiss.

Wenn ich dem Verkäufer erklärte, das ein Regal zu breit sei weil meine Wand nur 80cm sei, meinte er einfach: „Aber es ist doch gut verarbeitet.“ Oder: „Ich mache dir einen guten Preis. Wir liefern es auch zu dir nach Hause“. Oder sie zeigten mir ein anderes Regal, welches ebenso gross war und boten es als Alternative an. Wie wenn das auf magische Art und Weise meine Wand grösser machen würde….

Als ich ihm in klaren und direkten Worten sagte: „Wie soll ich ein 1.5m-Meter-Regal an eine 80cm Wand stellen??“ wurde ich mit grossen Augen angeschaut und die Antwort war: „Aha, ja also, ich glaube das wird nicht gehen“. 

Das war dann in der Regel auch der Moment in dem meine innere Ungeduld und Frustration so hoch gestiegen waren, dass ich den Laden verlassen musste, um mein Glück im nächsten zu versuchen.

Ein paar Geschäfte später wurde mir gesagt, dass ich ihnen auch eine Zeichnung bringen könnte, mit den gewünschten Grössen etc. und sie würden es in der Schreinerei anfertigen. Und ja, es sei auch möglich, ein Regal herzustellen, bei dem die Tablare nach Belieben verstellt werden können. 

Das waren ja mal super Nachrichten!

Es war mir klar, das die Zeichnung sehr genau, gut und einfach verständlich sein musste. Und da kam mir IKEA zu Hilfe. In ihrem Online-Katalog sind nicht nur die Grössen angegeben, sondern auch alles bebildert. Ich suchte mir also aus, was ich brauchte und „kopierte“ es genau so. Zudem schrieb ich alles noch in Worten auf, was mir wichtig war. 

Mit dieser „Anleitung“ ging ich zurück ins Geschäft und besprach nochmals alles ganz genau. Nicht nur einmal, sondern 3x sind wir die Grössenangaben und meine „Wünsche“ (Farbe, verstellbare Tablare, etc.) durchgegangen. Am Schluss liess ich die Verkäuferin nochmals genau wiederholen, wie das Regal sein sollte und dass die Tablare verstellbar sein müssen.

Danach bestellte ich ein weiteres, gleiches Regal in einer anderen Schreinerei. So würde ich anschliessend vergleichen und entscheiden können, welche Schreinerei besser ist.

Mit gemischten Gefühlen ging ich nach Hause und dachte: „Ich bin ja gespannt, was ich in 1-2 Wochen nach Hause geliefert bekomme….“

Die erste Schreinerei machte mit mir einen Liefertermin ab und fragte gleichzeitig, auf welcher Höhe die Regale sein sollten. Wie bitte?? Es folgte ein Hin und Her vía WhatsApp, bis sie schliesslich begriffen, dass ich ein Regal mit verstellbaren Tablaren wollte, wie auf meiner Zeichnung. Mit Löchern auf der gesamten Innenseite des Regals. Als ich kurz darauf nochmals eine Nachricht bekam, dachte ich zuerst, es sei ein Scherz. Die Nachricht lautete in etwa: „Und auf welcher Höhe sollen wir die Regale nun anbringen? Aber eigentlich können wir das auch vor Ort erledigen, wir nehmen einfach unsere Werkzeuge mit.“

Am nächsten Tag erfolgte die Lieferung und wie ich vermutet hatte, wurden einige Tablare bereits fix eingebaut. Nur zwei Tablare waren noch übrig und sie wollten wissen, wo sie die nun genau anbringen sollten. Als ich nach kurzem Überlegen sagte, auf welcher Höhe sie eines der Tablare einbauen sollten, schaute mich der Handwerker fragend an und meinte, dass dies keine gute Idee sei. Und dann begann er doch tatsächlich eine Diskussion mit mir. Er wollte die beiden Tablare anders anbringen, seiner Meinung nach besser. Da musste ich einfach von bolivianisch auf schweizerisch Wechseln und sehr direkt werden. Ich erklärte ihm, warum ich es so wollte, wie ich es wollte und warum sein Vorschlag absolut keinen Sinn machte und wieviel Platz dabei verloren gehen würde.

Danach war es still und der Handwerker schaute seinen Gehilfen an. Dieser meinte nur: „Sie hat recht. Es macht tatsächlich keinen Sinn.“ 

Ohne weitere Diskussion, stellten die beiden mein Regal fertig. Am Schluss musste ich dann doch nachfragen, warum sie mir nicht, wie auf der Zeichnung angegeben, all die Löcher auf der Regalinnenseite gemacht hatten zum Verstellen der Tablare. Als ich die Antwort hörte, musste ich fast laut lachen: Die vielen Löcher würden nicht gut aussehen und ihre ganze Arbeit und das schöne Regal verschandeln.

Ich habe jetzt also ein echt bolivianisches Regal: In der richtigen Grösse, nach bolivianischem Schönheitsideal und ohne hässliche, kleine Löcher, aber dafür mit fixen Tablaren in „unmöglichen“ Abständen.

Die zweite Schreinerei lieferte mir das andere Regal. Auf den ersten Blick sah alles super aus. Sie hatten sogar Löcher gemacht, damit ich die Tablare nach meinen Bedürfnissen anbringen konnte. Genial!!

Die Tablare konnte ich allerdings erst 24h später einsetzen, weil der Leim noch trocknen musste. 

Als ich sie am nächsten Tag einsetzen wollte, musste ich zu meiner Überraschung feststellen, dass es nicht ging weil die Tablare zu lang waren. Ich fand in der Werkzeugkiste meiner Vormieter Reste von Schleifpapier und begann, die Tablare damit zu kürzen. Eine ganze Weile später und unter Anwendung von ein bisschen Gewalt, sind die Tablare nun dort wo sie sein sollten. 

Ich hätte im Traum nie gedacht, dass es mich so viele Nerven, Telefonate, WhatsApp-Nachrichten und fast einen Monat Zeit kosten würde, um in den Besitz von ein paar simple Regale zu kommen.

Dafür macht es jetzt total Sinn, dass die meisten Bolivianer dunkle und, in meinem Verständnis, oft zusammengewürfelte Wohnungseinrichtungen haben. 

Vielleicht sollte ich es das nächste Mal genau wie die Bolivianer machen? Stell dir nur all die Zeit und Nerven vor, die ich sparen würde…

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